Take-Home Naloxon Programme (THN)


Fakten, Schulungen, Dokumentation & Kooperation

Take-Home Naloxon Programme (THN)


Was sind Take-Home Naloxon-Programme?


  • In THN wird Opiatkonsumierenden, nach einer Drogennotfallschulung, Naloxon verschrieben, damit es ihnen von Dritten in einem Überdosierungsfall verabreicht werden.
  • Es ist sinnvoll auch Nicht-Opiatkonsumierende Menschen z.B. Angehörige, FreundInnen und Sozialarbeitende für den Drogennotfall und die Naloxonvergabe zu schulen, da diese oft bei einer Überdosierung anwesend sind.
  • WHO und EMCDDA empfehlen die Ausweitung von Take- Home Naloxon-Programmen zur Prophylaxe tödlicher Drogennotfälle.

Take-Home Naloxon-Programme wurden erstmals Mitte der 1990er Jahre in den USA implementiert, um den hohen Todeszahlen durch Opiatüberdosierungen zu begegnen. Mittlerweile gibt es in über 20 Ländern weltweit Programme, in denen Opiatkonsumierende und teilweise ihre Angehörige, FreundInnen, Bekannte, Sozialarbeitende und auch PolizistInnen für den Drogennotfall und die Naloxonvergabe geschult werden.

In Europa existieren THN-Programme stadtfinaziert in Dänemark, Deutschland, Estland,Irland, Italien, UK (England) und Norwegen und auf regionaler Basis in Katalonien und Schottland und Wales. Eine Reihe anderer EU-Staaten prüfen die Vergabe von THN-Programmen. (Quelle: EMCDDA (18.1.2016): http://www.emcdda.europa.eu/news/2016/1/preventing-opioid-overdose-naloxone)

Nach den Trainings wird den Teilnehmenden je nach rechtlichen Regelungen in den einzelnen Ländern (in Deutschland nur an opiatkonsumierende Menschen selbst) Naloxon verschrieben und meist ein Kit mit den nötigen Verabreichungsutensilien sowie weiterem Zubehör ausgehändigt. Diese können das Naloxon dann im Notfall einer opiatüberdosierten Person verabreichen.


Mythen und Fakten zur Naloxonvergabe an Laien


Die Fakten auf einen Blick:


  • Medizinische Laien sind in der Lage Naloxon im Notfall adäquat und sicher anzuwenden.
  • Die Verfügbarkeit von Naloxon führt nicht zu einem riskanteren Konsumverhalten.
  • Naloxonvergabe führt nicht zwangsläufig zu einem Rückgang der Notarztrufe im Notfall.
  • Eine flächendeckende Naloxonvergabe kann zu geringeren Sterberaten beitragen.
  • Über die reine Naloxonvergabe hinaus hat die Abgabe medizinischer Kompetenz empowernde Effekte für die Konsumierenden.
  • Die nasale Vergabe reduziert Infektionsrisiken und ist von der Wirkung mit der intravenösen und intramuskulären Applikation vergleichbar.
  • Bei Take-Home-Naloxon handelt sich nachgewiesener Maßen um eine kosteneffektive Strategie.

In zahlreichen Studien wurde nachgewiesen, dass medizinische Laien, die an einer Drogennotfallschulung teilgenommen haben, Naloxon im Notfall adäquat und sicher einsetzen können! Es ist ein sicheres Medikament, da es bei Menschen, die keine Opiate konsumiert haben, nicht wirkt und auch kein Missbrauchspotential aufweist. Erste Studien belegen, dass eine flächendeckende Abgabe von Naloxon an Opiatkonsumierende die Sterberate infolge von Überdosierungen sinken lässt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) empfehlen daher die Abgabe von Naloxon an medizinische Laien ausdrücklich.

Die Evaluationen von vielen Naloxon-Programmen kommen zu dem Schluss, dass die Naloxonvergabe entgegen der Meinung ihrer KritikerInnen nicht zu einem erhöhten Risikokonsum führt. Einige ExpertInnen sind weiter der Meinung, dass die Beschäftigung mit den Risiken einer Überdosierung im Rahmen der Trainings sowie die Angst vor einem plötzlichen Entzug nach Naloxonverabreichung eher zu einem vorsichtigeren und damit sichereren Konsum führt.

Nur in einer von vielen Forschungen wurde eine Abnahme des Notrufverhaltens durch die Naloxonvergabe bei der Zielgruppe beobachtet. Bei den weiteren Untersuchungen konnte keine Veränderung des Notrufverhaltens festgestellt werden. Es ist also nicht davon auszugehen, dass Konsumierende sich auf Naloxon als „Sicherheitsnetz“ verlassen und dadurch im Notfall seltener die 112 wählen. Auch die Kosteneffektivität der Programme konnte in drei Studien untersucht und bestätigt werden.


Ziele der Drogennotfallprophylaxe


Themenbausteine und mögliche Formen der Drogennotfallschulung


Themenbausteine:


  • Kurzinterventionen für akut Konsumierende/ Offene Szene (Basics in 10 Minuten)
  • Detailliertere Schulung für Konsumierende in entspannten Settings, Angehörige, Sozialarbeitende (bis 1 ½ Std.)
  • Peer-to Peer-Modul

Schulungsformen:


  • Risikofaktoren einer Opiatüberdosierung und deren Vermeidung
  • Anzeichen/Erkennen einer Opiatüberdosierung
  • Absetzen des Notrufs
  • Beatmung und weitere 1.-Hilfe Maßnahmen inkl. Aufdecken von Mythen
  • Was ist Naloxon und wie wird es angewandt?
  • Verschreibung von Naloxon durch Arzt/Ärztin und Ausgabe eines Naloxon-Kits

Take-Home Naloxon-Programme werden größtenteils in Angebote von niedrigschwelligen Drogenhilfeeinrichtungen integriert und von diesen finanziert. Mehrheitlich geht in den bekannten THN der Verschreibung und Abgabe von Naloxon ein Drogennotfalltraining voraus, in dem Überdosierungsrisiken und deren Vermeidung, ebenso wie die Anzeichen einer Opiatüberdosierung thematisiert werden. Dieser wichtige Teil, der der Prävention von Überdosierungen dient, kann darüber hinaus genutzt werden um Drogengebrauchenden Raum zu geben, über ihre bisherigen Überdosierungserfahrungen zu berichten und sich über die sonst selten thematisierten Erlebnisse auszutauschen.

Weitere Bausteine der Trainings sind der Hinweis auf die Wichtigkeit des Notrufs und Praxisübungen zu Beatmung an einem Beatmungs-Dummy. Auch die Wirkungsweise von Naloxon, seine Indikation und Anwendung werden besprochen und geübt. Die Länge der Trainings variiert weltweit sehr stark, zwischen wenigen Minuten als Kurzintervention mit nur einer Person bis hin zu ganztägigen Gruppenworkshops. Über die Größe der Gruppe entscheiden die lokalen Möglichkeiten, ebenso wie die Bedürfnisse der spezifischen Zielgruppe. In der Regel muss die für die eigene Einrichtung sinnvolle Gruppengröße mit der Zeit gefunden werden. Größere Gruppen als 6-8 Personen eignen sich jedoch nicht, da die Praxis-Übungen (Beatmung am Dummy, Übung Naloxonverabreichung) sehr zeitintensiv sind und genug Raum sein sollte, auf jede und jeden Einzelnen einzugehen. In der Praxis hat es sich als sinnvoll erwiesen, die Länge der Trainings der Zielgruppe anzupassen. So können für akut Konsumierende bzw. die offene Szene Kurzinterventionen von ca. 10 Minuten vorbereitet werden, in denen die wichtigsten Basics zu Drogennotfällen und Naloxonvergabe behandelt werden.

Es bieten sich aber auch Settings an, in denen Schulungen bis zu 1,5 Std. dauern können. In vielen Ländern hat es sich zudem etabliert, Konsumierende selbst so zu schulen, dass sie als Multiplikatoren mit ihren konsumierenden FreundInnen und Bekannten Drogennotfalltrainings durchführen können. Die TrainerInnen bestätigen das durchgeführte Training dem kooperierenden Arzt/ der kooperierenden Ärztin, diese/r erfüllt seinerseits/ihrerseits seine/ihre Aufklärungs- und Informationspflicht und verschreibt im Anschluss das Naloxon.

Dokumentation


  • Die Naloxonvergabe und –anwendung sollte dokumentiert werden.
  • Verlässliche Zahlen sind wichtig, um z.B. zukünftig Finanzierungen zu finden.

Um auch in Deutschland zukünftig auf verlässliche Daten zurückgreifen zu können und Finanzierungen zu finden, sollten Training, Vergabe und Notfalleinsätze dokumentiert werden. Dazu empfiehlt es sich, einen kurzen Dokumentationsbogen für jedes Training zu entwickeln. Ebenso ist es wichtig, den KlientInnen nahe zu legen, sich nach einem Naloxoneinsatz im Notfall zurück zu melden. Auch für diese Rückmeldung sollte ein kurzer Fragebogen entwickelt werden. Die Dokumentation kann für die Einrichtungen selbst, zum Beispiel bei einem MitarbeiterInnenwechsel hilfreich sein, um Wissen zu bewahren oder um möglicherweise Projektgelder zu beantragen.

Kooperation


  • Kooperation Drogenhilfeeinrichtungen – ÄrztInnen
  • Kooperationen Drogenhilfeeinrichtungen/ÄrztInnen – Apotheken
  • Kooperationen mit Therapie- und Entwöhnungseinrichtungen, Haft, Substitutionsambulanzen

Um eine flächendeckende Versorgung mit Naloxon zu erreichen sind enge Kooperationen der verschiedenen AkteurInnen von großer Relevanz. Es ist beispielsweise sinnvoll Polizei und Rettungsdienste vor Ort über das Programm zu informieren.

Ärztinnen und Ärzte, die das Naloxon an die Konsumierenden verschreiben, sind unentbehrlich. Im Optimalfall sind diese bei den Schulungen selbst anwesend und leiten diese mit. Falls dies nicht möglich ist und die Schulung durch Mitarbeitende einer Drogenhilfeeinrichtung, oder wie bei Peer-to-Peer Schulungen von geschulten Konsumierenden selbst abgehalten wird, bestätigen diese dem kooperierenden Arzt/ der kooperierenden Ärztin das Training (siehe Notfallausweis). Diese/r muss nochmals seine/ihre Aufklärungs- und Informationspflicht gegenüber der Klientin/dem Klienten erfüllen und kann im Anschluss das Naloxon verschreiben.

Gerade die Situationen, in denen das Risiko einer Opiatüberdosierung besonders hoch ist (wie nach Therapieabbruch oder Haftentlassung), sollten bei der Implementierung eines THN-Programms von den Einrichtungen mitgedacht werden. Eine Kooperation mit einzelnen lokalen Einrichtungen und Haftanstalten/ der Straffälligenhilfe ist daher sehr sinnvoll.